Das neue Jahr steht vor der Türe und ich trau mich irgendwie nicht eben diese auf zu machen, um es herein zu bitten. Wie sagen doch Eltern immer zu ihren Kindern, wenn sie aus dem Haus gehen: “Wenn jemand klingelt, den du nicht kennst, lass ihn bloß nicht herein.”
Und genau das denke ich bezogen auf das neue Jahr, denn das wirkt auf mich fremd, undurchschaubar und irgendwie bedrohlich. Ich will es nich herein lassen, weil ich nicht weiß, was es mit sich bringt. Welche Veränderungen es wohl unter seinem Mantel mit sich schleppt. In seinem verlotterten Haaren klebt Ungewissheit und jede Menge offene Fragen. Unter dem zerschlissenen Mantel beulen Zukunftsangst und Bedenken nach außen. Unter den müden Augen hängen tiefe Sorgenfalten und Augenringe schwarz wie die Nacht. In den leeren Augen meine ich kaum Zuversicht zu erkennen, nur gehetzte Angst von einer zwölfmonatigen Flucht.
Doch ich kann das alte Wesen nicht einfach so vor der Türe stehen lassen, ich bin doch kein Unmensch. Also lasse ich mich doch dazu hinreißen, die Tür zu öffnen und blicke in ein dankbares Gesicht. Durch den wärmenden Schein des Stubenlichts, erhellt sich das trübe Gesicht der Gestalt zu einem rosigen Lachen und deren gegerbte Haut strafft sich. Bei geöffneter Türe sieht sie sogleich ganz anders aus, so rein und ehrlich. Ich reiche der Gestalt vertrauensvoll die Hand und helfe ihr über die Schwelle, helfe ihr aus dem Mantel und zum Vorschein kommt ein Wesen mit anmutiger Gestalt. Mir fließt Dankbarkeit und Wärme entgegen, die den ganzen Raum erleuchtet. Da ist sie nun die Zukunft und sie sieht besser aus, als erwartet. Schauen wir mal, was für Überraschungen noch zum Vorschein kommen, wenn sie sich in meiner Gegenwart erst einmal eingelebt hat.


